ISFB Insight
Sozialversicherungen: Unsichtbare Fehler, die teuer zu stehen kommen
12. Februar 2026
Sozialversicherungen und berufliche Vorsorge werden oft als selbstverständlich oder sogar automatisch angesehen. Dabei können zahlreiche Fehler, Ungenauigkeiten oder Halbwahrheiten sehr konkrete Auswirkungen auf die Rechte der Versicherten und die Qualität der Beratung haben. In diesem Doppelinterview teilen Albert Gallegos und Danièle Felley, beide Dozenten an der ISFB, ihre Erfahrungen aus der Praxis: häufige Fehler, blinde Flecken, heikle Situationen und unverzichtbare berufliche Reflexe, um den Weg durch AHV/IV/EO und BVG sowohl für die Versicherten als auch für die Arbeitgeber zu sichern.
Albert Gallegos, wenn Sie drei häufige Fehler im Zusammenhang mit AHV/IV/EO nennen müssten, die den Versicherten tatsächlich Geld oder Ansprüche kosten, welche wären das und wie lassen sie sich vermeiden?
AG: Der erste Fehler ist zu glauben, dass die erste Säule vollständig automatisch funktioniert: „Ich bin im System, also kann ich beruhigt voranschreiten“. Solange die Situation einfach ist, funktioniert das auch. Sobald sich jedoch etwas ändert – Teilzeitarbeit, zwei Arbeitgeber, Wechsel in die Selbstständigkeit, Auslandsaufenthalt, Unterbrechung der Erwerbstätigkeit –, besteht nicht die Gefahr, aus dem System herauszufallen, sondern falsch eingestuft oder falsch betreut zu werden. Das kann zu Verzögerungen, aufwändigeren Verfahren oder geringeren Ansprüchen führen.
Der zweite Fehler sind Lücken in den AHV-Beiträgen. Diese werden oft erst bei der Pensionierung entdeckt, wobei die Korrekturmöglichkeiten manchmal begrenzt sind. Einige unvollständige Jahre können sich jedoch konkret auf die Höhe der Rente auswirken.
Der dritte Bereich ist die Verwaltung von Lebensereignissen: Dienst, Mutterschaft/Vaterschaft, langer Krankenstand, IV. Viele glauben, dass „das von selbst läuft“, dabei müssen bestimmte Bedingungen und Fristen eingehalten und die richtigen Unterlagen vorgelegt werden. Mein Ansatz ist einfach: In jeder Situation den möglichen Anspruch ermitteln, die Bedingungen prüfen und dann die Nachweise und den Zeitplan sichern. So lassen sich die meisten Fehler vermeiden.
Danièle Felley, das BVG basiert auf teilweise komplexen technischen Mechanismen. Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Fehler oder Ungenauigkeiten, die in der Praxis beobachtet werden, und welche konkreten Auswirkungen können diese haben?
DF: Sehr oft beginnt alles mit einem Gefühl der Sicherheit: «Ich war immer versichert, also ist alles in Ordnung.» Dann schaut man genauer hin. Das versicherte Gehalt entspricht nicht dem tatsächlichen Einkommen, die Koordination mit der AHV wurde mechanisch angewendet oder der Beschäftigungsgrad wurde im Laufe der Jahre nie angepasst.
Das BVG ist kein fehlerhaftes System, sondern ein System, das Entscheidungen und Abwägungen voraussetzt. Wenn diese implizit oder missverstanden sind, vermitteln die Zahlen eine Illusion von Sicherheit, während die zukünftigen Leistungen eine andere Geschichte erzählen.
Für den Versicherten kann dies verschobene Erwartungen oder zu spät getroffene Entscheidungen bedeuten. Für den Arbeitgeber führt dies oft zu Missverständnissen und einem diffusen Unbehagen. Das BVG funktioniert sehr gut – vorausgesetzt, es wird aufmerksam gelesen, verstanden und umgesetzt.
Danièle Felley, oft hat man den Eindruck, dass Sozialversicherungen erst dann verständlich werden, wenn ein Problem auftritt. Was macht dieses System Ihrer Meinung nach so schwer verständlich, und wo sollte man ansetzen, um es verständlicher und vertrauenswürdiger zu machen?
DF: Sozialversicherungen werden oft als komplex empfunden, weil man sie nur stückweise kennenlernt, meist in einer stressigen Situation: bei Krankheit, Geburt, Arbeitsausfall oder bevorstehender Pensionierung.
Das System ist eigentlich sehr strukturiert, wird jedoch selten als zusammenhängendes Ganzes dargestellt. Man lernt hier eine Regel, dort eine Ausnahme, ohne einen Überblick zu haben. Das vermittelt den Eindruck einer großen Komplexität, obwohl es vor allem an Orientierungspunkten mangelt.
Um dieses System verständlicher zu machen, muss zunächst erklärt werden, wozu jede Versicherung dient, wann sie greift und was sie nicht leistet. Sind diese Grundlagen einmal geschaffen, verschwinden viele Missverständnisse. Verständnis in diesem Bereich bedeutet bereits eine gewisse Gelassenheit und Kontrolle zurückzugewinnen.
Albert Gallegos, warum ist die berufliche Vorsorge einer der Bereiche, in denen das Risiko von „Halbwahrheiten” am höchsten ist, und wie kann ein Fachmann seine Beratung absichern?
AG: Die berufliche Vorsorge ist ein Bereich, in dem das Risiko von «Halbwahrheiten» aus einem einfachen Grund hoch ist: Oft werden das Gesetz, das Reglement der Kasse und die gängige Praxis miteinander vermischt. Im BVG ist das Reglement jedoch kein Detail: Es legt oft entscheidende Bedingungen und Leistungen fest, insbesondere in heiklen Fällen.
Zu diesen sensiblen Fällen zählen typischerweise Vorruhestand, Invalidität, Tod, Scheidung, Rückkäufe oder bestimmte Entnahmen. In solchen Situationen kann eine Annäherung teuer werden oder zu einer nicht konformen Beratung führen, und manchmal ist die Entscheidung schwer zu korrigieren.
Um eine Beratung abzusichern, wende ich eine sehr konkrete Methode an: Ich gehe von Fakten und Daten aus (die Chronologie ist entscheidend), unterscheide zwischen dem BVG-Mindest und dem überobligatorischen Teil und schaue dann im Reglement nach, um die genauen Bedingungen zu überprüfen. Und schliesslich bin ich transparent in Bezug auf das, was von der Kasse, dem Arbeitgeber oder der IV-Stelle bestätigt werden muss.
Es ist auch ein Hebel für die berufliche Glaubwürdigkeit: Man begnügt sich nicht damit, „im Allgemeinen” zu sagen, sondern erklärt klar und deutlich, warum, auf welchen Regeln man sich stützt und wie die einzelnen Schritte aussehen. Genau das ist das Ziel der Schulung: komplexe Situationen verständlich und zuverlässig handhabbar zu machen.
Die Gespräche mit Albert Gallegos und Danièle Felley erinnern an eine oft unterschätzte Tatsache: Sozialversicherungen und berufliche Vorsorge sind weder automatisch noch unveränderlich. Sie basieren auf präzisen Regeln, expliziten Entscheidungen und einer sorgfältigen Betrachtung der individuellen Situation während des gesamten Berufslebens. Die kostspieligsten Fehler entstehen selten aus mangelndem guten Willen, sondern aus Ungenauigkeiten, Halbwahrheiten oder einem übermäßigen Vertrauen in Mechanismen, die als „selbstverständlich” angesehen werden. In einem Umfeld, das durch berufliche Mobilität und unterschiedliche Status geprägt ist, wird die Beherrschung dieser Systeme zu einer zentralen Herausforderung für die Sicherheit und Qualität der Beratung.
Diese Themen, die hier unter dem Gesichtspunkt der Erfahrung und Praxis behandelt werden, werden von Albert Gallegos und Danièle Felley bei ihrem nächsten Vortrag im Rahmen der ISFB-Kurzausbildung „ Das Schweizer Sozialversicherungssystem verstehen ”, die am 4. und 11. Mai online stattfindet. Das Ziel ist dasselbe wie in diesem Austausch: diese Mechanismen verständlich, kohärent und in der beruflichen Praxis vollständig beherrschbar zu machen.
Gemeinsames Interview mit Danièle Felley, Dozentin am ISFB, und Albert Gallegos, Dozent am ISFB
Ein Artikel, der im Rahmen der Kurzausbildung „Die Schweizer Sozialversicherungen verstehen“ verfasst wurde.
„Bei Sozialversicherungen besteht das Risiko nicht darin, aus dem System auszusteigen, sondern darin, falsch qualifiziert oder falsch betreut zu sein – und dies zu spät zu entdecken.“
— Albert Gallegos, Dozent ISFB
«Das BVG funktioniert sehr gut, vorausgesetzt, es wird aufmerksam gelesen, verstanden und angewendet.»
— Danièle Felley, Dozentin ISFB

