ISFB Insight
Bankkompetenzen: Der stille Wandel
21. September 2026
Die ersten Ergebnisse des ISFB-Observatoriums zeigen, wie KI, Nachhaltigkeit und ein neues Kompetenzkonzept den Bankensektor in der Westschweiz neu gestalten.
Hinter der scheinbaren Stabilität der Mitarbeiterzahlen im Bankensektor verbirgt sich eine Umstrukturierung der Qualifikationsprofile. Dies zeigen die ersten Ergebnisse der vom ISFB-Observatorium im ersten Halbjahr 2026 durchgeführten Untersuchungen. Diese Studie, die Dr. Erwan Bellard und Prof. Nathalie Delobbe von der Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften (UNIGE) durchgeführt haben, wurde am 8. September im Rahmen eines gemeinsam mit Swiss Banking organisierten Webinars vorgestellt.
Das Observatoire wurde ins Leben gerufen, um den Wandel der Berufe, Kompetenzen und Ausbildungsbedürfnisse im Westschweizer Bankensektor vorwegzunehmen, und bietet eine doppelte Perspektive – sowohl aus akademischer als auch aus praxisnaher Sicht – auf die Entwicklung der Kompetenzen. Acht Banken des Finanzplatzes unterstützen das Observatoire ISFB finanziell. Ein Beirat, bestehend aus Vertretern der Banken und akademischen Partnern, begleitet dessen Untersuchungs- und Kartierungsarbeiten. „Der Nutzen des Observatoire besteht darin, all diese Trends zu verfolgen, um einen Ausblick auf den sich abzeichnenden Kompetenzbedarf zu gewinnen. Es geht darum, den Analysebereich schrittweise zu erweitern, das Monitoring zu verfeinern und die Beobachtungsbemühungen fortzusetzen“, erklärt Mathias Baitan, Generaldirektor des ISFB.
Die stabile Personalzahl verschleiert die Umschulung der Mitarbeiter
Was die Arbeitsmarktindikatoren des Finanzsektors betrifft, so sind die Zahlen insgesamt weiterhin beruhigend: Die Beschäftigtenzahl in der Romandie liegt im vierten Quartal 2025 weiterhin bei 222’800 Vollzeitäquivalenten, und die Wirtschaftsprognoseinstitute rechnen in den kommenden Quartalen nicht mit Engpässen. Für das Jahr 2026 geht das ISFB-Observatorium in seinem Basisszenario daher von einer relativen Stabilität der Beschäftigtenzahlen aus. Zwei Variablen müssen jedoch weiterhin genau beobachtet werden, nämlich der Umfang des Einsatzes künstlicher Intelligenz in der Branche sowie die Entwicklung des makroökonomischen Umfelds.
Hinter den unveränderten Beschäftigungszahlen im Bank- und Finanzwesen verbirgt sich eine qualitative und von zahlreichen Faktoren geprägte Umstrukturierung der Berufe. Diese könnte sich zunächst innerhalb des Sektors vollziehen, wobei die Dynamik je nach Art der Institute unterschiedlich ausfallen dürfte. Das ISFB-Observatorium stellt beispielsweise eine Verschiebung in der Verteilung der Arbeitsplätze zwischen Bankakteuren und unabhängigen Vermögensverwaltern fest
Die Umstrukturierung könnte nicht nur intrasektoraler Natur sein – durch eine verstärkte Mobilität der Mitarbeiter zwischen den verschiedenen Funktionen –, sondern auch intersektoral, mit zahlreichen Brücken zwischen Banken, Fintechs und anderen Akteuren der Finanzbranche, bedingt durch den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz. Die Prognosen der Experten aus der Praxis stimmen darin überein, dass die beruflichen Laufbahnen vielfältiger werden, da zunehmend Profile mit weniger klassischen Ausbildungswegen und Hintergründen in den Finanzsektor einsteigen.
Zu diesen Entwicklungen kommen geografische Veränderungen hinzu, die mit der Verlagerung der Standorte der Einrichtungen zusammenhängen, sowie demografische Veränderungen, die durch Verschiebungen in der Alters- und Geschlechterpyramide bedingt sind.
Im Zuge dieser umfassenden Neugestaltung der Berufe im Finanzsektor zeichnet sich eine Erkenntnis ab: Die erwarteten Kompetenzen dürften anspruchsvoller werden.
KI und ESG – Triebkräfte für Trends
In seiner Zukunftsprognose identifiziert das ISFB-Observatorium fünf Gruppen von Faktoren, die die Entwicklung der Branche beschleunigen werden. Es überrascht nicht, dass Technologie und KI dabei eine zentrale Rolle spielen. Zwar haben neue Technologien den Wandel im Bankensektor schon immer begleitet, doch markiert das Aufkommen der generativen KI eine neue Etappe: die einer stärker integrierten Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine, anstatt eines massiven Ersatzes von Mitarbeitern.
Angetrieben durch die damit verbundenen Produktivitätssteigerungen und das Potenzial zur Margenverbesserung dürfte die KI somit eine immer größere Rolle im Arbeitsalltag spielen. Die Experten des ISFB-Observatoriums gehen davon aus, dass sie die Kundenbeziehungen, die Formen der Zusammenarbeit und – im weiteren Sinne – die Art und Weise, wie Teams zusammenarbeiten, neu gestalten wird. Sie erfordert daher ein Umdenken hinsichtlich der Kompetenzen, die Fachkräfte in Zukunft benötigen werden.
Die Nachhaltigkeit wird ihrerseits von zwei Faktoren angetrieben: dem hohen Investitionsbedarf für den Wandel und dem Ausmaß der damit verbundenen Risiken. Diese beiden Kräfte dürften weiterhin das allgemeine Gleichgewicht der Branche beeinflussen. Schließlich werden auch die Entwicklung des regulatorischen Rahmens, die geopolitische Lage sowie die politische und wirtschaftliche Instabilität weiterhin die Aktivitäten und die gefragten Kompetenzen am Finanzplatz beeinflussen.
Von der Stellenlogik zur Kompetenzlogik
Wie werden sich diese fünf Faktoren auf das Humankapital auswirken? Eine der wichtigsten Entwicklungen, die vom ISFB-Observatorium festgestellt wurde, ist der schrittweise Übergang von einer stellenorientierten zu einer kompetenzorientierten Denkweise.
Zwar werden Banken auch weiterhin hochspezialisiertes Fachwissen benötigen, insbesondere in Bereichen wie Daten und Big Data, doch müssen sie gleichzeitig neue übergreifende Kompetenzen entwickeln. Die Berücksichtigung von ESG-Themen muss zudem auf alle Funktionsbereiche ausgeweitet werden, während technologische Kompetenz ebenso unverzichtbar wird wie die Fähigkeit, generative KI-Tools im beruflichen Umfeld zu verstehen und anzuwenden.
Auch in Bezug auf die zwischenmenschlichen Beziehungen wird die Teamarbeit eine neue Dimension annehmen. Die Mitarbeiter werden aufgefordert sein, immer stärker berufsübergreifend, branchenübergreifend, multikulturell und generationsübergreifend zusammenzuarbeiten.
In diesem neuen Umfeld werden Anpassungsfähigkeit, Urteilsvermögen und kritisches Denken den Mitarbeitern ermöglichen, die Vorteile des technologischen Fortschritts zu nutzen. Hinzu kommen Kommunikation, Kooperationsfähigkeit und ethisches Bewusstsein – allesamt soziale Kompetenzen, die künftig eine entscheidende Rolle spielen werden.
Die neuen HR-Projekte der Westschweizer Banken
Für die Personalabteilung eröffnet dieser Wandel gleich drei Herausforderungen gleichzeitig. Zunächst muss es ihr gelingen, spezialisierte Fachkräfte zu gewinnen, die mittlerweile eine strategische Rolle einnehmen, und gleichzeitig Talente zu rekrutieren, deren Werdegang und Ausbildung teilweise weit von den traditionellen Pfaden im Bankwesen entfernt sind. Eine Herausforderung, die durch die Alterung der Erwerbsbevölkerung umso dringlicher wird.
Die Weiterbildung wird fortan zu einem zentralen Hebel der Personalpolitik: Die Einrichtungen müssen eine echte Kultur des lebenslangen Lernens verankern, um Qualifikationslücken zu schließen und die Mitarbeiter bei der Weiterentwicklung ihrer Aufgaben zu unterstützen.
Schließlich werden die Umschulung und die Umverteilung der Mitarbeiter auf neue Aufgaben in dieser sich wandelnden Finanzlandschaft eine zentrale Rolle spielen. Es geht also nicht nur darum, die Kompetenzen von morgen zu gewinnen, sondern auch darum, die bereits vorhandenen weiterzuentwickeln.
Die Hauptbetroffenen sind sich dessen übrigens voll und ganz bewusst. Laut einer Umfrage, die Christelle Zagato, Forschungs- und Umfrageexpertin beim Observatoire ISFB und Doktorandin an der Universität Freiburg, unter 230 Bankmitarbeitern in der Westschweiz durchgeführt hat, geben 94 % der Befragten an, dass sie ihre Kompetenzen ausbauen müssen, um ihre Tätigkeit weiterhin gut ausüben zu können. Theorie und Praxis stimmen in einem Punkt überein: Niemand in der Finanzbranche kann sich mehr damit begnügen, auf seinen bisherigen Errungenschaften auszuruhen.
© Institut Supérieur de Formation Bancaire (ISFB). Alle Rechte vorbehalten.
Die vom ISFB veröffentlichten Analysen und Inhalte dürfen unter Angabe der Quelle teilweise zitiert oder wiedergegeben werden. Jede vollständige oder wesentliche Wiedergabe dieses Artikels in anderen Medien oder auf anderen Trägern bedarf der vorherigen schriftlichen Genehmigung des ISFB. Um die Lesbarkeit zu erleichtern und ohne diskriminierende Absicht wird in der Regel die männliche Form verwendet, entsprechend der grammatikalischen Regel, die es erlaubt, diese als neutrale Bezeichnung für eine Gruppe von Personen zu verwenden, die sowohl Männer als auch Frauen umfasst. Die vorliegende Publikation richtet sich an ISFB-Mitglieder und deren Mitarbeitende in der Schweiz sowie an alle Personen, die sich für das Finanzwesen in der Schweiz interessieren. Sie ist nicht dazu bestimmt, in Ländern gelesen oder verbreitet zu werden, in denen ihre Verbreitung verboten ist.
Rückblick auf das Webinar, das am 8. September in Zusammenarbeit mit der Swiss Banking Academy stattfand
Salima Barragan
Der Zweck des Observatoriums besteht darin, all diese Trends zu verfolgen, um einen Ausblick auf den künftigen Qualifikationsbedarf zu gewinnen. Dabei geht es darum, den Analysebereich schrittweise zu erweitern, die Beobachtung zu verfeinern und die Bemühungen im Bereich der Marktbeobachtung fortzusetzen.
Mathias Baitan, Generaldirektor