Weiterbildung
Nachhaltige Finanzen in Genf: Herausforderungen, Regulierung und Weiterbildung – Interview mit Edouard Cuendet
25. September 2025
Anlässlich der 6. Ausgabe von Building Bridges in Genf spricht Édouard Cuendet, Direktor der Fondation Genève Place Financière (FGPF), über die grossen Herausforderungen der nachhaltigen Finanzwirtschaft. Zwischen Regulierung, Investitionsmöglichkeiten und der Schlüsselrolle der Weiterbildung erklärt er, wie sich der Finanzplatz Genf positioniert, um die Herausforderungen eines sich im Umbruch befindenden Sektors zu meistern und seine Kompetenzen durch praktische und multidisziplinäre Programme zu stärken.
Edouard Cuendet, Sie sind Direktor der Fondation Genève Place Financière (FGPF). Die FGPF ist Gründungsmitglied von Building Bridges, dessen sechste Ausgabe vom 30. September bis zum 2. Oktober in Genf stattfand. Was waren die wichtigsten Themen dieser neuen Ausgabe?
Die sechste Ausgabe stellte innovative Lösungen sowie Chancen und Risiken von Investitionen in nachhaltige Finanzprodukte in den Vordergrund. Drei Tage lang hatten die zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus verschiedenen Bereichen wie Finanzen, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen oder der Wissenschaft die Möglichkeit, mit Experten und Politikern ins Gespräch zu kommen. Bundesrat Martin Pfister und der ehemalige US-Außenminister John Kerry gehörten zu den renommierten Rednern des Gipfels, der diese wichtige Veranstaltung im Bereich der Nachhaltigkeit eröffnete.
Diese Konferenz hat den Vorteil, dass sie neue Impulse setzt, indem sie das anwesende Publikum aktiv einbezieht, um Lösungen zu finden und zur Umsetzung konkreter Massnahmen beizutragen. Vor diesem Hintergrund organisierte die FGPF gemeinsam mit der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) und der Asset Management Association Switzerland (AMAS) am 30. September einen interaktiven Workshop zum Thema Naturfinanzierung.
Was sind heute die größten Herausforderungen für Finanzinstitute im Bereich der nachhaltigen Finanzwirtschaft?
Zunächst möchte ich betonen, dass Nachhaltigkeit laut der jährlichen Konjunkturumfrage der FGPF unter Banken, Vermögensverwaltern und anderen Finanzintermediären nach wie vor ein wichtiges Thema ist.
In diesem Bereich spielen Vorschriften eine entscheidende Rolle. Die Schweiz setzt auf Selbstregulierung, die eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten erfordert. Die SBVg und die VSV haben mit der Festlegung klarer Standards für die Integration von ESG-Kriterien eine Vorreiterrolle übernommen. Im Frühjahr 2024 wurden ihre Richtlinien verschärft, um Greenwashing wirksamer zu bekämpfen. Dieser pragmatische Ansatz, der auf Vertrauen und Zusammenarbeit basiert, wurde vom Bundesrat begrüßt. Dieser hat vorerst auf die Ausarbeitung einer staatlichen Regulierung verzichtet.
Die Zahlen belegen die Relevanz dieses Ansatzes. Ende 2024 belief sich das Volumen der nachhaltigkeitsbezogenen Investitionen auf 1'881 Milliarden Franken. 83 % der Marktteilnehmer wenden mindestens drei nachhaltige Anlagestrategien an, wobei ergebnisorientierte Strategien wie thematische nachhaltige Anlagen bevorzugt werden.
Um bis 2050 in der Schweiz CO2-Neutralität zu erreichen, haben die SBVg und die Boston Consulting Group einen Finanzierungsbedarf von 387,2 Milliarden Franken ermittelt. Die Banken werden jedoch in der Lage sein, 83 % der erforderlichen Investitionen durch Hypotheken- und Unternehmenskredite zu finanzieren. Der Schweizer Kapitalmarkt, staatliche Fonds, Mischfinanzierungen und öffentlich-private Partnerschaften werden die restlichen 17 % abdecken. Dies zeigt, dass der Finanzsektor ein starker Hebel für den ökologischen Wandel ist.
Das ISFB-Zertifikat für nachhaltige Finanzen wird in Kürze (November 2025) eingeführt. Inwiefern bietet dieses Programm konkrete Lösungen, und was sind Ihrer Meinung nach die Stärken und Besonderheiten, die seinen Reichtum und seine Qualität ausmachen?
Dieses Zertifikat entspricht den Anforderungen des Finanzplatzes Genf, den Herausforderungen und Erwartungen der Kunden im Bereich der nachhaltigen Finanzen gerecht zu werden. Es bietet konkrete Lösungen, da es ein multidisziplinäres Instrumentarium – Forschung, rechtlicher Rahmen, Anlagestrategien und Wirkungsmessung – bereitstellt, das direkt in der beruflichen Praxis anwendbar ist.
Generell liegt die Stärke der vom ISFB angebotenen Programme im regen Austausch zwischen Referenten, Praktikern aus unserem Ökosystem und Teilnehmern mit unterschiedlichen Profilen, die den Lehrinhalten eine sehr praxisorientierte und anregende Dimension verleihen. Die Möglichkeit, auf diese hochmodernen Ausbildungsangebote in Genf zurückgreifen zu können, ist eine echte Chance, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, dass sich Finanzfachleute kontinuierlich weiterbilden, um in Sachen Nachhaltigkeit auf dem Laufenden zu bleiben?
Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass Know-how einer der wichtigsten Trümpfe des Finanzplatzes Genf ist. Die Weiterbildung spielt dabei eine Schlüsselrolle, da sie eine doppelte Funktion erfüllt. Erstens trägt sie dazu bei, das Wissen der Bankmitarbeitenden auf den neuesten Stand zu bringen, damit ihre Fachkompetenz den sich ständig ändernden Anforderungen in den Bereichen Regulierung, Fintech und natürlich Nachhaltigkeit gerecht wird. Zweitens ermöglicht sie den Mitarbeitenden, ihre berufliche Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen, d. h. ihre Fähigkeit, eine neue Stelle zu finden, sich selbstständig auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten, eine Stelle zu behalten und in ihrer Karriere voranzukommen.
Edouard Cuendet
Direktor der Stiftung Genf Finanzplatz
„Nachhaltigkeit bleibt laut der jährlich von der FGPF durchgeführten Konjunkturumfrage unter Banken, Vermögensverwaltern und anderen Finanzintermediären ein wichtiges Thema.“
Dienstleistungen für Mitglieder im Zusammenhang mit den in diesem Interview behandelten Themen
