ISFB Insight
Beobachten, um zu begleiten: Der Ansatz des ISFB-Observatoriums im Hinblick auf KI in den Finanzberufen
22. Mai 2026
Es ist mittlerweile unerlässlich geworden, die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz auf die Bank- und Finanzbranche zu bewerten. Doch bevor man sich in weitreichende Zukunftsszenarien stürzt, drängt sich eine einfachere Frage auf: Was wollen wir eigentlich beobachten?
Die KI verändert bereits einen Teil der Arbeitswelt. Das erleben wir alle in unserem Alltag. Sie beschleunigt bestimmte Aufgaben, verändert Arbeitsweisen, steigert die Produktivität und zwingt die vorausschauendsten Unternehmen dazu, einen Teil ihrer Prozesse zu überdenken. Die Entwicklung schreitet schnell voran, ja geradezu rasend schnell. Im Bank- und Finanzwesen, wo die Arbeit oft stark standardisiert ist, sollte diese Entwicklung aufmerksam verfolgt werden. Bleibt die Frage, worüber wir eigentlich sprechen: nicht über die KI an sich, sondern darüber, was sie im Zuge ihrer Einführung verändert. Aufgaben, Kompetenzen, Berufe? Die Beschäftigung, die Wettbewerbsfähigkeit oder die Kompetenzen, die jeder im Alltag einsetzt?
Hier gilt es, zwischen Ebenen zu unterscheiden, die allzu oft verwechselt werden. Eine Aufgabe kann automatisiert werden, ohne dass ein Beruf verschwindet. Eine Kompetenz kann überall gleichzeitig an Bedeutung gewinnen, ohne einem bestimmten Beruf zuzuordnen zu sein. Und zwei Personen, die denselben Beruf ausüben, können je nach ihrer Erfahrung, ihrer Selbstständigkeit und ihrem Umgang mit den Werkzeugen unterschiedlich von der KI betroffen sein. Deshalb lässt sich der Einfluss einer Technologie auf die Arbeit nicht als einfache Variable messen. Früher stellte man Routineaufgaben anderen Aufgaben gegenüber, heute stellt man Substitution und Komplementarität gegenüber. Ein Beruf, dessen Aufgaben davon betroffen sind, kann jedoch eher erweitert als ersetzt werden: Das Werkzeug übernimmt dann einen Teil der Arbeit und verschiebt den Experten hin zu dem, was er am besten kann.
Das Instrument, das wir im ISFB-Observatorium bevorzugen, ist die Wahrnehmungsbefragung. Wir zerlegen die Berufe nicht in einzelne Aufgaben, um das Expositionsrisiko abzuschätzen. Wir befragen Fachleute dazu, was sie empfinden, beobachten und erwarten. Diese Entscheidung hat eine Konsequenz, die klar benannt werden muss. Wenn eine Studie ankündigt, dass ein bestimmter Prozentsatz an Arbeitsplätzen verschwinden könnte, ist Vorsicht geboten: Eine Wahrnehmungsumfrage sagt nicht, was passieren wird, sondern was die Befragten glauben, dass passieren könnte. Diese Daten bleiben zentral, ja sogar sehr wertvoll, da Vorstellungen das Verhalten lenken, genauso wie Ängste Veränderungen bremsen oder beschleunigen. Aber sie beziehen sich auf Wahrnehmungen, nicht auf die Zukunft der Arbeit.
Diese Vorsicht ist umso wichtiger, als die verfügbaren Daten oft unvollständig und von unterschiedlicher Zuverlässigkeit sind. Jede Erhebungsmethode hat ihre Grenzen. Makroökonomische Indikatoren liegen erst im Nachhinein vor, manchmal erst zwei oder drei Jahre später – oft zu spät, um eine Entscheidung zum Zeitpunkt ihrer Entstehung zu beeinflussen. Fragebögen, die an eine Stichprobe von Beschäftigten verschickt werden, erfassen Wahrnehmungen zu teilweise suggestiven Fragen, und die spektakulärsten Ergebnisse stellen allzu oft eine einfache Korrelation als kausalen Zusammenhang dar. Gruppenworkshops, die darauf abzielen, auf halbstrukturierte Weise Daten zu einer bestimmten Fragestellung zu erheben, bieten Zugang zu konkreten Erfahrungen oder dem Erkennen schwacher Signale, sind aber auch mit eigenen Verzerrungen behaftet: Gruppeneffekte, Konformismus, schwankendes Engagement. Es geht nicht darum, eine dieser Methoden abzulehnen, die wir in unserer Arbeit nutzen, sondern darum zu wissen, was bei jeder einzelnen als zuverlässig angesehen werden kann und was nicht. Eine Analyse beschreibt niemals vollständig eine Situation; sie beschreibt eine Darstellung davon. Eine Grafik strukturiert eine Reflexion und ermöglicht es, eine Diskussion anzustoßen, doch sie wird manchmal fragil, sobald sie den Eindruck erweckt, die Zukunft mit einer Präzision vorherzusagen, die die beobachtete Realität nicht immer zulässt.
Angesichts eines Wandels, den niemand vollständig beherrscht, liegt die sinnvolle Antwort darin, die Akteure miteinander ins Gespräch zu bringen. Den Experten vor Ort das Wort zu erteilen, den Austausch unterschiedlicher Standpunkte zu organisieren und Meinungen zu formulieren, wo zuvor nur vereinzelte Intuitionen vorlagen. Denn ein System im Wandel steht nicht allein auf der Richtigkeit seiner Prognosen, sondern vor allem auf seiner Fähigkeit, Informationen zu verbreiten und sich gemeinsam anzupassen.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt konzentrieren sich die ersten Arbeiten des ISFB-Observatoriums daher auf diese vorbereitenden Schritte: Worüber sprechen wir, was sagen die vorhandenen Studien aus, welche Verzerrungen sind zu berücksichtigen? Anstatt ein sich ständig wandelndes Phänomen vorschnell zu modellieren, bevorzugen wir einen pragmatischen Ansatz: Literaturrecherche, Wahrnehmungsumfragen, Auswertung einfacher Indikatoren, Interviews, Rückmeldungen aus der Praxis, unterschiedliche Blickwinkel. Unser Ziel ist es nicht, ein Modell zu erstellen, sondern bescheiden, aber sinnvoll zur Debatte beizutragen, gemeinsam mit anderen Akteuren aus Wirtschaft und Wissenschaft. Ein ernsthaftes, wiederholtes und in der Praxis verankertes Gespräch kann Entscheidungen lenken und letztlich die Bereitstellung von Mitteln zur Entwicklung der notwendigen Anpassungsfähigkeiten unterstützen. Darin besteht die gesamte Rolle des ISFB-Observatoriums.
Die KI wird die Bank- und Finanzbranche grundlegend verändern. Dieser Wandel lässt sich jedoch nicht auf ein einziges Modell reduzieren. Er wird systemisch und evolutiv verlaufen und von Rückkopplungsschleifen, unvorhergesehenen Anwendungsmöglichkeiten, Widerständen und sukzessiven Anpassungen geprägt sein. Es geht nicht darum, darauf zu warten, dass ein Modell vorgibt, was zu tun ist. Es geht darum, zu beobachten, zu verstehen und organisiert zu handeln. Für den Einzelnen bedeutet dies, sich weiterzubilden, zu experimentieren und neue Anpassungsfähigkeiten zu entwickeln. Für Arbeitgeber bedeutet es, Weiterbildungsmaßnahmen durch die Bereitstellung entsprechender Budgets zu unterstützen. Und für eine Gemeinschaft bedeutet es, sich sektorale Einrichtungen wie das Observatoire ISFB zu schaffen, in denen sie ihre eigene Transformation gestalten kann.
Anstatt die Auswirkungen der KI auf die Arbeitsplätze vorherzusagen, geht das ISFB-Observatorium den umgekehrten Weg: Es bringt Experten aus der Finanzbranche zusammen und moderiert ihren Dialog. Denn durch diesen Dialog entsteht ein gemeinsames Verständnis, und aus diesem Verständnis erwächst das Handeln, das die notwendige Anpassung vorantreiben wird.
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Mathias Baitan
Geschäftsführer des isfb
Wenn eine Studie prognostiziert, dass ein bestimmter Prozentsatz der Arbeitsplätze verloren gehen könnte, ist Vorsicht geboten: Eine Meinungsumfrage sagt nicht voraus, was passieren wird, sondern gibt wieder, was die Befragten glauben, dass passieren könnte.
Mathias Baitan, Generaldirektor
