ISFB Insight

Die Leitung einer Bank erfordert mehr als nur Erfahrung

24. Juni 2026

Das ISFB-Zertifikat „Governance und Risikomanagement für Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräte“ entspricht einer Anforderung, die im Finanzsektor mittlerweile eine zentrale Rolle spielt: ein Beratungsmandat mit einem fundierten Verständnis der Risiken, der regulatorischen Rahmenbedingungen und der damit verbundenen persönlichen Verantwortlichkeiten auszuüben. Für Pranvera Këllezi, Rechtsanwältin in Genf und Vorstandsmitglied des Schweizer Kreises der Verwaltungsrätinnen, ist die Weiterbildung mittlerweile ein fester Bestandteil der Tätigkeit als Verwaltungsrätin oder Verwaltungsrat. Interview.

Interview geführt von Mathias Baitan

Pranvera Këllezi, das ISFB-Zertifikat „Governance und Risikomanagement für Verwaltungsratsmitglieder“ richtet sich an Mitglieder von Verwaltungsräten von Finanzinstituten, aber auch an Personen, die eine solche Funktion anstreben. Warum ist diese Partnerschaft mit dem ISFB für den Schweizer Kreis der Verwaltungsrätinnen sinnvoll?

Der Schweizer Kreis der Verwaltungsrätinnen entstand aus einer einfachen Überzeugung: Verwaltungsräte sind bessere Führungsgremien, wenn sie unterschiedliche Sichtweisen und vielfältige Erfahrungen vereinen. In diesem Sinne vereint der CSDA heute mehr als 350 Mitglieder – Frauen, die in Verwaltungsräten sitzen oder über die Erfahrung und die Kompetenzen verfügen, um dort Fuß zu fassen, und zwar in so unterschiedlichen Branchen wie Industrie, Dienstleistungen oder Finanzen. Was unser Netzwerk auszeichnet, ist vor allem die Tiefe und Vielfalt der Kompetenzen seiner Mitglieder: Profile mit finanz-, rechts- oder technologiebezogenem Fachwissen, die den Gremien, in denen sie tätig sind, einen echten Mehrwert bieten.

Diese Partnerschaft mit dem ISFB spiegelt das langjährige Engagement des CSDA für die Professionalisierung der Verwaltungsräte wider. Als Verwaltungsrätin oder Verwaltungsrat muss man heute fundierte Urteile fällen, sachdienliche Fragen stellen und sich die Zeit nehmen, über Governance-Themen nachzudenken, die von Jahr zu Jahr komplexer werden. Das ist eine Tatsache, die ich persönlich zu schätzen weiß; die Mitarbeit in einem Aufsichtsgremium wie der WEKO erfordert eine ständige Weiterbildung, unabhängig davon, wie viel Erfahrung man mitbringt. Die Pflege und Vertiefung der eigenen Kompetenzen ist ein wesentlicher Bestandteil des Mandats.

Der CSDA unterhält bereits Partnerschaften mit der ACAD und der Swiss Board School, die unseren Mitgliedern zu Vorzugskonditionen Zugang zu hochwertigen Schulungen zu den Grundlagen der Unternehmensführung bieten. Das ISFB-Zertifikat ergänzt dieses Angebot sehr gezielt und geht dabei auf einen spezifischen Bedarf ein, nämlich den von Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräten von Banken und anderen Finanzinstituten sowie von Personen, die eine solche Funktion übernehmen sollen.

Und genau hier kommt der Partnerschaft ihre volle Bedeutung zu. Der Banken- und Finanzsektor unterliegt einem anspruchsvollen regulatorischen Rahmen. Die Besonderheiten der Branche tiefgreifend zu verstehen, sich diesen Rahmen anzueignen und die Aufsichtsfunktion mit Urteilsvermögen auszuüben, sind Fähigkeiten, die sich nicht aus dem Stegreif erlernen lassen. Das Schweizer Recht schreibt zudem vor, dass jedes Mitglied eines Verwaltungsrats eines der FINMA-Aufsicht unterliegenden Unternehmens vor Amtsantritt und während der gesamten Amtszeit das Kriterium der Gewähr für ein untadeliges Verhalten erfüllen muss. Diese Anforderung umfasst zwei unterschiedliche Aspekte: die Eignung der Kompetenzen für die in diesem konkreten Unternehmen ausgeübte Funktion sowie die persönliche Integrität. Eine Ausbildung wie das ISFB-Zertifikat trägt direkt zum ersten dieser Aspekte bei.

Die Unternehmensführung im Bankwesen erfordert heute ein Verständnis für Risiken, regulatorische Rahmenbedingungen, die Rolle des Verwaltungsrats, Ausschüsse, die interne Kontrolle, Cyberrisiken, Risiken im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz sowie die Beziehungen zur FINMA. Was ändert sich Ihrer Meinung nach heute bei der Ausübung eines Verwaltungsratsmandats?

Die Art und Weise, wie ein Verwaltungsratsmandat ausgeübt wird, hat sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt, und diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Die zunehmende Professionalisierung der Verwaltungsräte ist kein spontanes Phänomen, sondern eine direkte Folge gestiegener Anforderungen – sowohl hinsichtlich der Ausübung dieser Funktion als auch in Bezug auf die persönliche Haftung der Führungskräfte.

Das Besondere am Finanzsektor ist, dass er das Geld anderer verwaltet. Diese Verantwortung gegenüber Einlegern, Sparern und Anlegern rechtfertigt ein dichtes und sich ständig weiterentwickelndes regulatorisches Umfeld, dessen Einhaltung die FINMA gewährleistet. Es ist Aufgabe der Mitglieder der Verwaltungsräte, sicherzustellen, dass dieser Vertrauenszweck gewahrt bleibt – sowohl bei strategischen Entscheidungen als auch bei der Risikokontrolle. Es geht dabei um mehr als nur das Vertrauen in ein bestimmtes Verwaltungsratsmitglied oder ein bestimmtes Institut – es geht um die Integrität und den Ruf des Schweizer Finanzplatzes als Ganzes.

Das internationale Umfeld trägt zusätzlich zu dieser Komplexität bei. Die Banken stehen heute an vorderster Front, wenn es darum geht, internationale Sanktionen durchzusetzen, die zu den ohnehin schon umfangreichen Verpflichtungen zur Bekämpfung der Geldwäsche hinzukommen. Der deutlich strengere Ansatz der Aufsichtsbehörden gegenüber digitalen Vermögenswerten schafft einen neuen Bereich, der besondere Wachsamkeit erfordert. Die geopolitische Lage trägt zudem dazu bei, dass Cyberrisiken und Fragen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz zu Themen werden, denen sich kein Verwaltungsrat entziehen kann.

Nur durch die Kombination all dieser Aspekte lässt sich für die betroffenen Unternehmen eine konstruktive Beziehung zu den Aufsichtsbehörden sowohl in der Schweiz als auch im Ausland aufrechterhalten.

Vor diesem Hintergrund muss jedes Mitglied eines Verwaltungsrats individuell dafür sorgen, sich kontinuierlich über Themen auf dem Laufenden zu halten, die sich rasch weiterentwickeln und deren Beherrschung die Qualität seines Urteilsvermögens bestimmt. Genau aus diesem Grund leisten spezielle Weiterbildungen wie das ISFB-Zertifikat einen wertvollen Beitrag: Sie bieten einen strukturierten Rahmen, um das für die Ausübung einer Verwaltungsratsfunktion in diesem Bereich unverzichtbare Wissen zu festigen.

Das ISFB legt den Schwerpunkt auf eine kurze Präsenzschulung, die sich an praktischen Fallbeispielen orientiert und von Referenten aus der Bankenbranche geleitet wird. Was kann dieses Format bereits erfahrenen Verwaltungsrätinnen oder Frauen, die sich auf einen Sitz im Verwaltungsrat vorbereiten, bieten?

Das von der ISFB gewählte Format basiert auf einer einfachen Feststellung: Die Zeit der Fachkräfte, die in Verwaltungsräten sitzen, ist eine knappe Ressource. Eine kurze Präsenzschulung, die sich an praktischen Fallbeispielen orientiert und von Referenten aus der Bankenbranche geleitet wird, ist genau das, was bereits erfahrene Verwaltungsrätinnen mit einem dichten Terminkalender benötigen.

Die besonderen Herausforderungen des Bank- und Finanzsektors erfordern sowohl solide Grundlagen als auch die Fähigkeit, diese in konkreten Situationen anzuwenden. Dieses umfassende und in sich schlüssige Programm ergänzt das Wissen, das sich allein auf Erfahrung stützt und oft nur bruchstückhaft ist. Denn wenn sich zahlreiche Risiken gleichzeitig materialisieren, reicht eine fragmentarische Sichtweise nicht aus.

Ziel dieses Zertifikats ist es, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden, indem anhand realer Fälle und tatsächlich in Aufsichtsräten aufgetretener Entscheidungen gemeinsam mit Fachleuten gearbeitet wird, die dieselbe Sprache sprechen. Diese Verbindung ermöglicht es, das Wissen über die Vorschriften in die Praxis im Aufsichtsrat umzusetzen und vielfältige, oft miteinander verflochtene Risiken zu bewältigen.

Welche Botschaft möchten Sie den Frauen mitgeben, die noch zögern, sich für Verwaltungsmandate im Finanzsektor zu bewerben?

Meine Botschaft ist kein Plädoyer für Mut. Und sie richtet sich übrigens nicht nur an Frauen: Sie gilt für jeden, der erwägt, einem Verwaltungsrat im Finanzsektor anzugehören.

Zunächst einmal hat das Zögern seine Gründe. In einer Branche, die unter ständiger behördlicher Aufsicht steht, ist Zögern kein Zeichen von Schwäche, sondern oft ein Zeichen von Reife und Klarheit. Personen, die gegenüber Risiken unempfindlich sind, bringen in dieser Branche keinen Mehrwert; sie stellen sogar selbst ein Risiko dar. Wer sich fragt, ob seine Kompetenzen für das Mandat geeignet sind, beweist eine wertvolle Form der Metakognition: Er oder sie nimmt sich die Zeit, seine oder ihre Stärken schonungslos zu bewerten und die Lücke zwischen dem, was er oder sie weiß, und den Anforderungen der Funktion einzuschätzen. Das ist ein sinnvoller Ansatz, und eine Ausbildung wie das ISFB-Zertifikat bietet genau diesen strukturierten Rahmen, um sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

Diese Klarheit erfordert auch, sich voll und ganz bewusst zu machen, was das Mandat mit sich bringt. Das Amt eines Verwaltungsratsmitglieds im Finanzsektor ist mit einer erheblichen persönlichen Verantwortung verbunden. Die Erwartungen der Aufsichtsbehörden sind hoch, die der Öffentlichkeit ebenso. Sich darauf einzulassen, ohne das Ausmaß der Aufgabe abgewogen zu haben, wäre nachteilig – sowohl für einen selbst als auch für die Institution, die man leiten soll. Meine Aufforderung lautet daher nicht: „Traut euch, legt los!“. Es ist vielmehr eine Aufforderung, sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen, an eventuellen Defiziten zu arbeiten und sich dabei auf seriöse und spezialisierte Programme zu stützen. Die Klarheit, die zum Zögern veranlasst, ist das Kennzeichen von Verwaltungsratsmitgliedern, die etwas bewegen.

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Pranvera Këllezi

Pranvera Këllezi ist Mitglied der Eidgenössischen Wettbewerbskommission (WEKO) und Rechtsanwältin in Genf, spezialisiert auf Wirtschaftsrecht, Wettbewerbsrecht, Corporate Governance, Datenschutz und Wirtschaftsregulierung. Sie hat einen Doktortitel in Rechtswissenschaften der Universität Genf, einen LL.M. in Europarecht des Collège d’Europe in Brügge und ein Board Director Diploma des IMD in Lausanne. Sie ist Mitglied des Vorstands des CSDA, wo sie die Arbeit der Kommission für Unternehmensführung und Rechtsfragen leitet.

Die Klarheit, die zum Zögern veranlasst, ist das Kennzeichen von Führungskräften, die etwas bewegen.

Pranvera Këllezi

24.06.2026, 15:07:27 Uhr +02:00