Nachhaltige Finanzen: Reife erfordert neue Kompetenzen

14. August 2026

Nachhaltige Finanzwirtschaft ist in eine Reifephase eingetreten, getragen von präziseren regulatorischen Anforderungen, klarer definierten Kundenerwartungen und einer genaueren Analyse ihrer Auswirkungen. Antoine Mach, Programmleiter bei der ISFB, geht auf diese Entwicklungen ein und erläutert, welche Kompetenzen sie nun von Fachleuten aus dem Bank- und Finanzwesen erfordern. Ein Interview.

Antoine Mach, wir hatten Sie 2024 anlässlich der Einführung der neuen Überarbeitung des ISFB-Zertifikats „Nachhaltige Finanzen“ interviewt. Was hat sich seitdem im Bereich der nachhaltigen Finanzen am stärksten verändert?

Meiner Meinung nach hat sich vor allem die Sichtweise auf nachhaltige Finanzen verändert, und nicht so sehr die nachhaltige Finanzwirtschaft selbst. Lange Zeit entwickelte sich dieser Bereich in einem spezialisierten Ökosystem relativ autonom. Seit 2015, dem Jahr der Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens, verzeichnete er ein starkes Wachstum und erreichte 2020–2021 einen Höhepunkt an Popularität. Die letzten Jahre waren geprägt vom Entstehen neuer Vorschriften und von Diskussionen über die großen Herausforderungen, die die nachhaltige Finanzwirtschaft kennzeichnen: Wesentlichkeit, Performance, Glaubwürdigkeit und Intentionalität. Seit 2024 befindet sich die nachhaltige Finanzwirtschaft meiner Meinung nach in einer reiferen Phase, in der vereinfachende Diskurse weniger toleriert werden und Komplexität sowie Nuancen berücksichtigt werden. Es ist zu beobachten, dass die Nachfrage nach nachhaltigen Fonds im Jahr 2026 wieder anzieht, mit positiven Mittelzuflüssen im 2. Quartal weltweit und – zum ersten Mal seit 2022 – auch in den USA.

Haben diese Entwicklungen die Kompetenzen verändert, über die Fachkräfte im Bank- und Finanzwesen heute verfügen müssen?

Auf jeden Fall. Fachleute, die sich mit diesem Thema befassen, sollten den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse kennen, wissen, wie die Zivilgesellschaft und die jüngeren Generationen dazu stehen, und über die Absichten der Behörden sowie die geltenden Vorschriften informiert sein. Es geht natürlich darum, interessierten Kunden Antworten geben zu können, aber auch darum, die richtigen Fragen zu stellen – und das alles mit einer pragmatischen und undogmatischen Herangehensweise.

Die Vorschriften und die Erwartungen der Behörden haben sich selbst stark weiterentwickelt. Welche Veränderungen erscheinen Ihnen heute für die Fachleute der Branche am wichtigsten?

In den letzten Jahren wurden mehrere Vorschriften verabschiedet oder überarbeitet. Im Bereich der Anlageprodukte ist es daher wichtig zu wissen, wie sich die „Sustainable Finance Disclosure Regulation“ (SFDR) entwickelt, die in Europa Kategorien für nachhaltige Anlagen definiert. Diese Verordnung wird häufig zur Einstufung nachhaltiger Fonds herangezogen und spielt daher bei der Anlageberatung eine Rolle. In der Schweiz stellt die Richtlinie der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) zu ESG-Anlagen ebenfalls ein unverzichtbares Element für Fachleute der Branche dar.

Was ändern diese neuen Anforderungen konkret im Arbeitsalltag eines Bankers, eines Vermögensverwalters oder eines Anlagespezialisten?

Der regulatorische Rahmen und, im weiteren Sinne, die Erwartungen der Öffentlichkeit hinsichtlich nachhaltiger Finanzdienstleistungen haben sich weiterentwickelt. Banken müssen heute die Präferenzen ihrer Kunden in Bezug auf Nachhaltigkeit ermitteln, um ihnen maßgeschneiderte Lösungen anbieten zu können. Dies bereichert die Beziehung zwischen Berater und Kunde und erfordert zudem Schulungsmaßnahmen für die betroffenen Teams. Allgemeiner betrachtet erscheint es mir unerlässlich, dass Banker, Vermögensverwalter und Anlagespezialisten bereit sind, der Nachfrage gerecht zu werden, und in der Lage sind, diese durch eine sowohl kreative als auch konsequente Arbeit auf der Angebotsseite anzukurbeln.

Wie hat sich der Inhalt des ISFB-Zertifikats „Nachhaltige Finanzen“ weiterentwickelt, um diesen Veränderungen Rechnung zu tragen?

Dieser Studiengang stützt sich auf die interdisziplinäre Wissensgrundlage, die für nachhaltige Finanzen charakteristisch ist, und verfolgt und vermittelt gleichzeitig die regulatorischen, gesellschaftlichen, geopolitischen und technologischen Entwicklungen der letzten Jahre. Dabei können wir uns glücklicherweise auf erfahrene Fachleute aus der Praxis verlassen, die das Dozententeam bilden.

Kann man in einem sich so schnell entwickelnden Bereich noch davon ausgehen, dass eine vor einigen Jahren absolvierte Ausbildung ausreicht?

Natürlich sind bestimmte Konzepte, Begriffe und Ansätze nach wie vor relevant. Doch die Sichtweisen haben sich gewandelt, ebenso wie der regulatorische Rahmen und die Erwartungen der Anleger. In einem Bereich, der von raschen Veränderungen und Innovationen geprägt ist, lohnt es sich, sein Wissen und seine Kompetenzen auf den neuesten Stand zu bringen.

Wem würden Sie heute empfehlen, an dieser Fortbildung teilzunehmen, auch unter Fachleuten, die bereits über Kenntnisse im Bereich nachhaltige Finanzen verfügen?

Erstens an Banker und Berater, die direkt mit den Kunden zu tun haben. Zweitens an Führungskräfte und Leiter von Banken sowie an Anlageexperten, da nachhaltige Finanzen ein Thema der beruflichen Allgemeinbildung sind, das von strategischer Bedeutung ist.

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14.08.2026, 11:06:08 Uhr +02:00