Karriereentwicklung
Interview mit Michel Gavin: Talententwicklung, Innovation und Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI
31. März 2025
Wie können Banken im Zeitalter von Innovation und künstlicher Intelligenz ihre Mitarbeitenden bei der Weiterentwicklung ihrer Kompetenzen unterstützen? Michel Gavin, HR-Leiter der Banque Banorient (Suisse) SA, teilt seine Sichtweise zur Talentförderung, zur Bedeutung der Weiterbildung und zu den Auswirkungen der KI auf die Bankberufe.
Herr Gavin, Sie sind Personalchef der Banque Banorient (Suisse) SA. Welche Massnahmen zur Talentförderung gibt es in Ihrem Unternehmen?
Wir betrachten die Weiterbildung als einen entscheidenden Hebel für die Entwicklung der Kompetenzen unserer Mitarbeitenden. Über den Erwerb neuer Fähigkeiten hinaus stärkt sie das Selbstvertrauen und fördert das individuelle Engagement. Wir sind auch davon überzeugt, dass das Wohlbefinden am Arbeitsplatz zu einem grossen Teil auf der fundierten Beherrschung des jeweiligen Fachgebiets beruht.
Vor diesem Hintergrund haben wir einen methodischen und strukturierten Ansatz eingeführt, der es jedem Mitarbeiter ermöglicht, seine Kompetenzen zu festigen oder neue zu entwickeln, je nach den Entwicklungen in seinem Berufsfeld. Seit 2020 ist unsere Organisation Mitglied der ISFB, einer renommierten Institution, die für ihre Expertise im Bereich der Ausbildung und die Vielfalt ihrer Inhalte bekannt ist. In einem sich ständig wandelnden Bankensektor, der von ständigen regulatorischen Veränderungen geprägt ist, erscheint es unerlässlich, die Kompetenzen unserer Teams kontinuierlich anzupassen, um ihre Fachkompetenz zu gewährleisten und den steigenden Anforderungen des Marktes gerecht zu werden.
Soweit möglich bevorzugen wir kurze Zertifizierungskurse. Diese Formate ermöglichen es, bestehende Lücken schnell zu schließen und gleichzeitig die für die Schulung aufgewendete Zeit zu optimieren. Dieses Gleichgewicht zwischen Kompetenzaufbau und Aufrechterhaltung der Produktivität minimiert die Auswirkungen auf die Organisation und garantiert gleichzeitig eine höhere Effizienz. Die Mitarbeiter schätzen diese gezielten, praxisorientierten und direkt auf ihren beruflichen Alltag anwendbaren Schulungen besonders.
Neben unseren Schulungen sind Mentoring und Coaching unverzichtbare strategische Hebel, um unseren Mitarbeitern zu helfen, sich weiterzuentwickeln und Fortschritte zu erzielen. Indem wir erfahrene Mitarbeiter mit Berufseinsteigern zusammenbringen, schaffen wir einen echten Wissensaustausch, der sowohl das Engagement als auch die Motivation fördert. Diese Initiativen bieten eine individuelle Betreuung und tragen zur beruflichen und persönlichen Weiterentwicklung jedes Einzelnen bei. Sie fördern auch die Bindung von Talenten, stärken den Zusammenhalt innerhalb der Teams und gewährleisten die Ausrichtung auf die strategischen Ziele des Unternehmens.
Ein gut ausgebildetes Team ist zweifellos ein wesentlicher Faktor für das Wachstum und den Erfolg jedes Unternehmens. Indem wir in die Entwicklung unserer Mitarbeiter investieren, bieten wir ihnen die notwendigen Mittel, um sich zu entfalten, sich wertgeschätzt zu fühlen und mehr Selbstvertrauen in der Ausübung ihrer Aufgaben zu gewinnen. Dieser Prozess stärkt nicht nur die kollektive Leistung, sondern reduziert auch die mit unseren Tätigkeiten verbundenen Risiken. Indem wir ihre berufliche Entwicklung unterstützen und ihnen neue Perspektiven eröffnen, schaffen wir ein förderliches Umfeld, in dem jeder Einzelne seinen Platz findet, sich voll einbringt und aktiv am Aufbau einer nachhaltigen Zukunft innerhalb unseres Unternehmens mitwirkt.
Sie haben vor kurzem die Dienstleistung „Bank-Assessment” in Ihrem Unternehmen in Anspruch genommen. Können Sie uns etwas über den Nutzen eines solchen Produkts für die Entwicklung Ihrer Mitarbeiter erzählen?
Das vom ISFB angebotene Banking Assessment ist eine hervorragende Möglichkeit, eine strenge und objektive Bewertung der grundlegenden Kompetenzen im Bankensektor durchzuführen. Dieses Bewertungsinstrument wurde entwickelt, um den aktuellen Anforderungen des Marktes gerecht zu werden. Es erstellt eine genaue Diagnose der Stärken der Teilnehmer und identifiziert gleichzeitig Verbesserungsmöglichkeiten. Es bietet somit ein tiefgreifendes und unvoreingenommenes Verständnis des Potenzials jedes Einzelnen und erleichtert so fundierte strategische Entscheidungen hinsichtlich ihrer beruflichen Entwicklung.
Wie beurteilen Sie das Produkt „ISFB-Bank-Assessment“?
Aus Sicht der Personalabteilung basiert dieser Ansatz auf objektiven und messbaren Kriterien, wodurch eine faire, gerechte und eindeutige Bewertung gewährleistet wird. Die verschiedenen angebotenen Übungen ermöglichen es, sowohl die fachlichen Kompetenzen als auch die wesentlichen Verhaltensqualitäten zu bewerten, wie z. B. Stressbewältigung, Entscheidungsfindung unter Druck sowie die Fähigkeit zur Zusammenarbeit im Team. So erhält man einen umfassenden Überblick über jeden Bewerber, der sowohl seine analytischen Fähigkeiten als auch seine Interaktionen im beruflichen Kontext abdeckt.
In einer unterstützenden und respektvollen Umgebung bietet das Assessment den Teilnehmern individuelles Feedback und praktische Empfehlungen, um ihr Potenzial zu maximieren und ihre berufliche Entwicklung innerhalb der Organisation zu begleiten.
Sie waren außerdem im Februar beim Vormittagstreffen der ISFB-Ausbildungsleiter dabei, bei dem das Thema der Einführung von KI im Bankwesen behandelt wurde. Wie schätzen Sie die Auswirkungen von KI auf die Tätigkeit Ihres Berufsstandes ein?
Künstliche Intelligenz (KI) verändert unsere Herangehensweise an die Arbeit erheblich, insbesondere durch die Automatisierung bestimmter Aufgaben. Dieses Phänomen führt zu einer Fragmentierung der Arbeitsplätze und erfordert ein neues Gleichgewicht zwischen Technologie und menschlicher Arbeit. Die Zukunft liegt jedoch nicht in einem Gegensatz zwischen KI und menschlicher Intelligenz, sondern in ihrer Komplementarität. Obwohl KI analysieren, vorhersagen und optimieren kann, wird sie niemals die menschliche Interaktion, die Intuition eines Managers oder die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen und zu verstehen, ersetzen können.
Erfolgreich werden diejenigen Unternehmen sein, die KI als Hebel und nicht als Ersatz nutzen. In diesem Sinne muss die Technologie im Dienste des Menschen stehen. Aus Sicht der Personalabteilung liegt der Reichtum einer Organisation in ihren Mitarbeitern, die verstanden, unterstützt und in ihrer beruflichen Entwicklung begleitet werden müssen.
Konkret optimiert KI bereits die Personalbeschaffung, antizipiert den Kompetenzbedarf und personalisiert die Ausbildungswege. Was die Mitarbeiter jedoch wirklich motiviert und an das Unternehmen bindet, sind aufrichtige Aufmerksamkeit, aktives Zuhören und das ihnen entgegengebrachte Vertrauen. KI sollte als Entscheidungshilfe betrachtet werden und nicht als Ersatz für zwischenmenschliche Beziehungen.
Es bleiben jedoch Herausforderungen bestehen. KI wirft wichtige ethische und rechtliche Fragen auf. Zu diesen Herausforderungen gehört das Risiko algorithmischer Verzerrungen, die zu Diskriminierungen führen können, wenn die Modelle nicht richtig kalibriert sind. Der Schutz personenbezogener Daten ist ebenfalls eine Priorität, insbesondere im Rahmen von Vorschriften wie der DSGVO und der NLPD. Schließlich ist auch die Akzeptanz durch die Mitarbeiter ein grundlegender Aspekt: KI kann Ängste hervorrufen, daher ist es entscheidend, ihre Einführung durch angemessene Schulungen und vollständige Transparenz zu begleiten.
Wie sieht es im Bankensektor aus?
Künstliche Intelligenz (KI) wird nicht zu einem massiven Abbau von Arbeitsplätzen im Bankwesen führen, aber sie wird einen tiefgreifenden Wandel der Berufe mit sich bringen. Insbesondere administrative Aufgaben werden verschwinden, während sich neue Stellen entwickeln, die sowohl menschliches als auch technologisches Fachwissen erfordern. Die Bankinstitute, die diesen Wandel erfolgreich bewältigen werden, sind diejenigen, die in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren und die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI fördern.
Meiner Meinung nach sollte KI nicht als Bedrohung für Arbeitsplätze im Bankensektor angesehen werden, sondern als Katalysator für Veränderungen. Sie bietet Bankfachleuten die Möglichkeit, sich auf strategische und analytische Aufgaben mit höherer Wertschöpfung zu konzentrieren und gleichzeitig die Kundenbeziehung stärker zu personalisieren. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diesen Wandel zu begleiten, indem jedem die notwendigen Werkzeuge zur Weiterentwicklung seiner Kompetenzen zur Verfügung gestellt werden und gleichzeitig sichergestellt wird, dass die Technologie ein Verbündeter der Mitarbeiter bleibt und nicht umgekehrt. Denn hinter jeder Innovation stehen Frauen und Männer, die sich weiterentwickeln, entfalten und einen Sinn in ihrer Arbeit finden wollen.
Michel Gavin
Personalleiter der Banque Banorient (Schweiz) SA
„In einem unterstützenden und respektvollen Umfeld bietet das Assessment den Teilnehmern individuelles Feedback und praktische Empfehlungen, um ihr Potenzial zu maximieren und ihre berufliche Entwicklung innerhalb der Organisation zu begleiten.“
Dienstleistungen für Mitglieder im Zusammenhang mit den in diesem Interview behandelten Themen
Strategischer Tätigkeitsbereich 3
Karriereentwicklung
Neben seinem Angebot an technischen und managementbezogenen Schulungen bietet das ISFB der Personalabteilung seiner Mitgliedsbanken verschiedene Beratungsdienste zur beruflichen Orientierung und Karriereplanung an.