Eine Bank leiten: Verstehen, um besser zu überwachen

8. Juli 2026

Seit der Credit-Suisse-Krise steht die Unternehmensführung von Banken erneut im Fokus: die Rolle der Organe, das Risikomanagement und die Oberaufsicht. Für einen Verwaltungsrat wirken sich diese Erwartungen unmittelbar auf seine Fähigkeit aus, Sachverhalte zu verstehen, zu hinterfragen und Entscheidungen zu treffen. Diese Fähigkeit lässt sich nicht aus dem Stegreif entwickeln: Sie muss erlernt und gepflegt werden.

Die Krise der Credit Suisse hat es erneut deutlich gemacht: Die Solidität einer Bank hängt nicht nur von ihren Zahlen ab, sondern auch von der Qualität ihrer Organe. Seitdem ist das Augenmerk auf die Unternehmensführung im Bankensektor stärker geworden – und damit auch die Erwartungen an diejenigen, die Verwaltungsratsmandate ausüben.

Unsere Aufgabe als Berufsverband besteht insbesondere darin, weiterzubilden. Und das tun wir gemäß unserem Verbandsmodell: indem wir Experten aus der Praxis – amtierende Verwaltungsratsmitglieder, Risikospezialisten – hinzuziehen, denn genau das ermöglicht unsere Verbandsstruktur: die Sichtweisen der Mitglieder und Akteure des Ökosystems zusammenzuführen und auszutauschen. Denn die aktuellen Erwartungen werfen direkt die Frage nach der Rolle der Verwaltungsratsmitglieder in Banken auf. Was muss ein Verwaltungsrat wissen, um seine Aufsichtsfunktion wahrzunehmen? Wie tief muss er in die Risiken einsteigen, ohne die Rolle der Geschäftsleitung zu übernehmen? Welche kollektiven Kompetenzen sind erforderlich, um die finanziellen, operativen, regulatorischen, technologischen oder aufsichtsrechtlichen Signale zu deuten?

Wir haben den Teilnehmenden des ISFB-Zertifikatskurses „Governance und Risikomanagement für Verwaltungsratsmitglieder“ unter der Leitung von Jean-Philippe Bernard eine Interviewreihe gewidmet. Ihre hier zusammengetragenen Sichtweisen zeichnen die Konturen einer Kompetenz nach: der Rolle.

Verstehen, um zu überwachen

Jean-Philippe Bernard leitet das Programm und moderiert das Modul zum Risikomanagement im Bankwesen. Er legt den Ausgangspunkt fest: Ein Verwaltungsratsmitglied muss in der Lage sein, Risiken zu verstehen, Stellung zu beziehen, die Angemessenheit der von der Geschäftsleitung vorgeschlagenen Ansätze zu beurteilen und diese in strategische Impulse umzusetzen.

Diese Formulierung knüpft an eine klassische Frage der Wirtschaftswissenschaften an. Die Agency-Theorie beschreibt das Spannungsfeld, das entsteht, wenn diejenigen, die das Unternehmen im Tagesgeschäft leiten, nicht mit denjenigen identisch sind, die die letztendliche Aufsicht darüber ausüben (Jensen & Meckling, 1976). In einer Bank nimmt dieser Konflikt eine sehr konkrete Form an: Der Aufsichtsrat ist auf Informationen angewiesen, die von der Organisation stammen, die er eigentlich kontrollieren soll. Seine Aufgabe besteht daher darin, blinde Flecken zu beseitigen, Verantwortlichkeiten zu klären und sich die Mittel zu verschaffen, um auf der richtigen Ebene Entscheidungen zu treffen.

Hervé Broch, Dozent am ISFB und Vertreter der ACAD in diesem Zertifikatskurs, selbst Direktor eines Finanzinstituts und Verwaltungsratsvorsitzender im Sportsektor, leitet das Modul zur Governance eines Verwaltungsrats. Sein Beitrag bringt das Mandat auf den Punkt: Vor den Risiken muss der Verwaltungsratsmitglied seine vorrangige Aufgabe verstehen, nämlich den Fortbestand der Bank zu sichern. Der Verwaltungsrat legt die strategischen Leitlinien fest, sorgt für die Unternehmensführung, unterstützt die Geschäftsleitung und wahrt dabei die notwendige Distanz. Für ihn ergibt sich der Wert aus der Qualität des Urteilsvermögens, der gestellten Fragen und der Unabhängigkeit (siehe Interview).

Eine einzigartige Haltung

Jean-Christophe Pernollet, Dozent an der ISFB und selbst Vizepräsident eines Verwaltungsrats im Bankensektor, leitet seinerseits das Modul zur Bankgovernance. Er verweist auf die Besonderheit dieses Sektors: Das Bankwesen gehört zu den am stärksten regulierten Branchen, und in der Schweiz ist die Trennung zwischen Oberaufsicht und operativer Führung im Bankensektor besonders ausgeprägt. Diese Trennung erfordert eine klare Haltung: verstehen, hinterfragen, entscheiden, ohne dabei die Rolle der Exekutive einzunehmen (siehe Interview).

Sein zweiter Beitrag betrifft die kollektive Kompetenz des Verwaltungsrats. Zwar müssen Fachleute am Tisch sitzen, doch muss jedes Verwaltungsratsmitglied die zentralen Herausforderungen verstehen, um zur Strategie und zum Risikomanagement beitragen zu können. Er legt besonderen Wert auf kritisches Denken, das Hinterfragen von Bereichen, die als solide dargestellt werden, sowie auf kontinuierliche Weiterbildung.

Jean-Philippe Bernard befasst sich anschließend mit dem Kern des Bankrisikos. Die Festlegung der Risikobereitschaft läuft darauf hinaus, zu entscheiden, welchen Grad an Unsicherheit das Institut in Kauf nimmt, um seine Ziele zu erreichen. Der Verwaltungsrat erhält nicht nur Kennzahlen: Er muss verstehen, was diese messen, was sie möglicherweise verschleiern und welche Aussagen sie über die Entwicklung der Bank treffen. In dem Artikel, den Allnews zum Start dieser Serie veröffentlichte, erinnert er daran, dass die Verwaltungsräte, die letztendlich die Verantwortung tragen, Risiken mit ausreichendem Verständnis abwägen müssen, um Entscheidungen zu treffen und Kontrollen durchzuführen (Artikel lesen).

Die Mechanismen verstehen, nicht nur die Kennzahlen

Julien Pelegry, Dozent am ISFB und Leiter des Bereichs Finanzrisiken bei einem lokalen Bankinstitut, leitet das Modul zu den nicht kreditbezogenen Finanzrisiken. In seinem Vortrag lenkt er den Fokus der Beratung zurück auf die Mechanismen der Bilanz: Liquidität, Zinssätze, Markt, Kapital, Stresstests (lesen Sie das Interview). Diese Themen werden dem Aufsichtsrat oft in Form von Kennzahlen vorgelegt. Eine Kennzahl spricht jedoch niemals für sich allein. Sie verweist auf Annahmen, Entscheidungen und Mechanismen, die der Aufsichtsrat hinterfragen können muss.

Nicolas Dervaux, Risikomanager im Bankwesen und Dozent am ISFB, leitet das Modul zu Kreditrisiken, operationellen Risiken und Resilienz. Er erweitert die Perspektive: Das Risiko erstreckt sich über die Bereiche Kredit, operative Risiken, Liquidität, Rentabilität, Eigenkapital, interne Praktiken und Resilienz. Er beschreibt die Governance als einen Kreislauf: Der Verwaltungsrat legt die Risikobereitschaft fest, die Geschäftsführung setzt diese um und berichtet anschließend über die tatsächliche Ausprägung der Risiken (Lesen Sie das Interview).

Die Theorie der Ressourcenabhängigkeit hilft, diese Anforderung zu verstehen. Ein Berater bringt dem Unternehmen Kompetenzen, Erfahrung, Analysefähigkeiten, ein Netzwerk und eine externe Perspektive ein (Hillman, Cannella & Paetzold, 2000). In einer Bank muss diese Ressource lebendig bleiben. Sie wird im Einklang mit den Risiken, den Geschäftsmodellen, den aufsichtsrechtlichen Anforderungen und den Technologien ständig aktualisiert.

Das Modul zu Cyberrisiken und zur Einführung künstlicher Intelligenz knüpft an diese Linie an. Im Programm wird es dem internen Kontrollsystem zugeordnet: Technologische Risiken fallen somit auch in den Bereich der Oberaufsicht, der Daten, der Auslagerung, der Widerstandsfähigkeit und der Entscheidungsqualität.

Die aufsichtsrechtliche Perspektive und die Verantwortung des Finanzplatzes

Nezam Alexandre Bayat, Experte für aufsichtsrechtliche Durchsetzungsverfahren, hält einen Vortrag im Rahmen des Moduls zur Überwachung des internen Kontroll- und Risikomanagementsystems. Sein Vortrag vermittelt einen Überblick über die aufsichtsrechtlichen Erwartungen in einem rein pädagogischen Kontext (das Interview lesen).

Pranvera Këllezi, Rechtsanwältin in Genf und Mitglied der Eidgenössischen Wettbewerbskommission (WEKO), ist im Vorstand des Schweizerischen Kreises der Verwaltungsrätinnen tätig, wo sie die Arbeit der Kommission für Governance und Recht leitet. Ihr Beitrag verleiht dieser Betrachtung ihre besondere Bedeutung: Der Finanzsektor verwaltet das Geld anderer. Diese Verantwortung gegenüber Einlegern, Sparern und Anlegern erfordert eine kontinuierliche Professionalisierung der Beratung und ein fundiertes Verständnis der mit dem Mandat verbundenen persönlichen Verantwortlichkeiten (das Interview lesen).

Die Stakeholder-Theorie beleuchtet diesen Punkt. Ein Unternehmen, gleich welcher Art, ist gegenüber einem Kreis verantwortlich, der über seine Aktionäre hinausgeht: insbesondere gegenüber Kunden, Mitarbeitern, Behörden und Geschäftspartnern (Donaldson & Preston, 1995). Die Stabilität eines Bankinstituts beschränkt sich daher nicht auf Eigenkapital oder Liquidität. Sie hängt auch von der Klarheit der Verantwortlichkeiten, der Robustheit des Risikomanagements und der Qualität der Aufsicht durch die Führungsgremien ab.

Eine Rolle, die man lernen kann

Diese Aussagen ergeben zusammengenommen eine einheitliche Anforderung. Als Verwaltungsratsmitglied einer Bank muss man heute eine besondere Verantwortung übernehmen: Risiken verstehen, ohne in jedem Bereich zum Spezialisten zu werden; sein Urteilsvermögen einsetzen, ohne die Rolle der Geschäftsleitung zu übernehmen; in einem regulierten Umfeld Entscheidungen treffen; persönliche Verantwortung übernehmen und seine Kompetenzen langfristig aufrechterhalten.

Das ISFB-Zertifikat „Governance und Risikomanagement für Verwaltungsratsmitglieder“ beginnt am 3. September 2026 und umfasst sieben nicht aufeinanderfolgende Halbtage, die als Präsenzveranstaltungen in den Räumlichkeiten des ISFB in Genf stattfinden. Er richtet sich an Mitglieder von Verwaltungsräten von Finanzinstituten sowie an Mitarbeiter in Querschnittsfunktionen, die keine Spezialisten im Risikomanagement sind, aber langfristig ein Mandat als Verwaltungsratsmitglied anstreben.

Die Tatsache, dass die Ausbildung von Fachleuten aus dem Bereich des Bankrisikomanagements und von amtierenden Verwaltungsratsmitgliedern im Rahmen des Berufsverbands erfolgt, der sich der Kompetenzentwicklung im Bank- und Finanzsektor der Westschweiz widmet, verleiht diesem Programm einen besonderen Stellenwert. Die Beteiligung der ACAD und des „Cercle Suisse des Administratrices“ an diesem Zertifikatsprogramm reiht es in eine breitere Bewegung zur Professionalisierung der Verwaltungsräte ein.

Das Ziel ist klar definiert: Den Verwaltungsratsmitgliedern die notwendigen Anhaltspunkte an die Hand zu geben, um Risiken einzuschätzen, die richtigen Fragen zu stellen, ihre Rolle in vollem Umfang wahrzunehmen und zur Solidität der von ihnen geleiteten Institution beizutragen.

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Mathias Baitan

Generaldirektor ISFB

Risiken verstehen, ohne in jedem Bereich zum Spezialisten zu werden, sein Urteilsvermögen einsetzen, ohne die Rolle der Geschäftsleitung zu übernehmen: Die Leitung einer Bank ist eine Kompetenz, die man erlernt und pflegt.

Mathias Baitan

09.07.2026, 12:11:53 Uhr +02:00