ISFB Insight
Nicolas Dervaux: „Das Risiko ist keine Einschränkung, sondern ein Indikator für Kompetenz.“
7. Juli 2026
Nicolas Dervaux, Dozent im ISFB-Zertifikatskurs „Governance und Risikomanagement für Verwaltungsratsmitglieder“, erinnert daran, dass sich die Aufgabe des Verwaltungsrats nicht auf das Treffen von Entscheidungen beschränkt. Er muss die richtigen Fragen stellen, die Risikobereitschaft festlegen und die Geschäftsführung kritisch hinterfragen. Seiner Ansicht nach verbindet eine klare Governance Strategie, Geschäftsbereiche, regulatorische Vorgaben und den Fortbestand des Instituts.
Nicolas Dervaux, Sie sind Dozent im Rahmen des ISFB-Zertifikatskurses „Governance und Risikomanagement für Verwaltungsratsmitglieder“. Welche Botschaften möchten Sie den Teilnehmern der nächsten Kursreihe, die im September beginnt, hinsichtlich der Rolle eines Verwaltungsrats angesichts der aktuellen Bankrisiken mit auf den Weg geben?
Zunächst einmal, dass sie die richtige Entscheidung getroffen haben, in diese Ausbildung zu investieren! Als Verwaltungsratsmitglied einer Bank muss man Entscheidungen treffen, aber vor allem die richtigen Fragen stellen, Chancen erkennen, die Risikobereitschaft festlegen und sicherstellen, dass die Satzung und die Vorschriften eingehalten werden. Die Vielfalt und die Komplexität der Bankberufe sowie die zunehmende Komplexität der Regulierung in einem sich ständig wandelnden Umfeld machen diese Aufgabe spannend, aber auch anspruchsvoll.
Ihre Laufbahn als Risikomanager versetzt Sie an die Schnittstelle zwischen Strategie, Risiko, Regulierung und den verschiedenen Geschäftsbereichen. Inwiefern prägt diese Erfahrung Ihre Sichtweise auf die Unternehmensführung?
Die Unternehmensführung ist das Rückgrat der Bank, und der Verwaltungsrat ist ihr Garant. Sie umfasst alle Entscheidungen, Regeln und Praktiken, die darauf abzielen, den optimalen Betrieb der Bank zu gewährleisten. Meiner Meinung nach vollzieht sich die Unternehmensführung als kontinuierlicher Kreislauf:
- Von oben nach unten: Der Vorstand legt die Risikobereitschaft fest und beauftragt die Geschäftsleitung mit deren Umsetzung,
- von unten nach oben: Die Geschäftsleitung berichtet dem Vorstand über den Geschäftsverlauf und die Wesentlichkeit der Risiken.
Eine klare und selbstbewusste Führung ist eine notwendige Voraussetzung für den Erfolg der Einrichtung.
Sie waren in verschiedenen Bereichen des Bankwesens tätig, bevor Sie die Position des Risikomanagers übernahmen. Inwiefern prägt diese vielfältige Erfahrung Ihre Sichtweise auf die Entscheidungen, die auf höchster Ebene getroffen werden?
Die Position, die ich seit fünf Jahren innehabe, sowie meine früheren Erfahrungen als Vertriebsleiter in der Schweiz und im Ausland haben mir bewusst gemacht, wie vielfältig und bereichsübergreifend die Themen sind, die in einem Bankinstitut zu behandeln sind. So kann beispielsweise die Liquidität die Kreditvergabe beeinflussen, ebenso wie notleidende Kredite die Rentabilität und das Eigenkapital beeinträchtigen können, während die Schulung der Mitarbeiter und die Umsetzung bewährter Verfahren dazu beitragen, operative und Cyber-Risiken zu reduzieren. Die Rolle eines Verwaltungsratsmitglieds besteht darin, ein feines Gleichgewicht zwischen geschäftlichen Chancen, regulatorischen Auflagen, der Optimierung der Eigenmittel und dem Fortbestand des Instituts herzustellen, um die Gesamtstrategie effektiv umzusetzen. Nur durch ein ganzheitliches Verständnis der Risiken und ihrer Verflechtungen kann ein Verwaltungsratsmitglied fundierte Entscheidungen treffen. Das ISFB-Zertifikat „Governance und Risikomanagement für Verwaltungsratsmitglieder“ ist auf diese Zielsetzung ausgerichtet.
Risiken werden oft als Einschränkung wahrgenommen. Wie können sie zu einer gemeinsamen Sprache zwischen dem Vorstand, der Geschäftsleitung und den Fachbereichen werden?
Die Wahrnehmung von Risiken als Einschränkung oder Hemmnis für die Geschäftsentwicklung gehört meiner Meinung nach der Vergangenheit an. Ich bin nicht der einzige, der für Risiken verantwortlich ist; wir alle tragen die Verantwortung für Risiken – vom Berater bis zur Geschäftsleitung, vom Kundenbetreuer bis zum Backoffice-Mitarbeiter. Der Aufsichtsrat stellt sicher, dass die Geschäftsleitung die Risiken korrekt identifiziert, aber auch, dass sie über die notwendigen Kapazitäten verfügt, um diese Risiken zu steuern. In diesem Sinne stellt der Aufsichtsrat sicher, dass ein internes Kontrollsystem vorhanden ist. Das Risiko ist kein Hemmnis, sondern im Gegenteil ein Indikator für die Beherrschung der Geschäftsaktivitäten innerhalb der Bank. Es ermöglicht die Abstimmung von Entscheidungen und die Steuerung der Strategie der Bank.
Welche persönlichen Kompetenzen erscheinen Ihnen heute im Bereich der Unternehmensführung als entscheidend: die Fähigkeit, Kompromisse zu finden, politisches Gespür, Entscheidungsmut, Verständnis für die verschiedenen Geschäftsbereiche oder etwas anderes?
Gemäß den Vorschriften muss ein Verwaltungsratsmitglied Gewähr für ein untadeliges Verhalten, einen guten Ruf, Unabhängigkeit im Denken und die Fähigkeit zur Ausübung der strategischen Oberaufsicht bieten. Ein Verwaltungsratsmitglied muss über die Kompetenzen verfügen, strategische Ziele festzulegen und Entscheidungen im Interesse der Bank zu treffen.
Aus persönlicher Sicht würde ich sagen, dass ein Vorstandsmitglied über eine langfristige strategische Vision sowie über fundierte Kenntnisse des rechtlichen und regulatorischen Rahmens verfügen muss – kurz gesagt, über ein tiefgreifendes Verständnis der Bankrisiken und deren Steuerung –, um den Risikobeauftragten kritisch hinterfragen zu können.
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