Andragogik versus Pädagogik: Herausforderungen beim Lernen im Erwachsenenalter
7. April 2026
DiePädagogik1, die historisch gesehen auf das Kind ausgerichtet ist, unterscheidet sich vonder Andragogik2, die sich den Lernprozessen von Erwachsenen widmet (Knowles, 1980), sowohl hinsichtlich ihrer Ziele als auch hinsichtlich der spezifischen Herausforderungen, die sie mit sich bringt. Während die Pädagogik in der Regel in einem strukturierten Rahmen stattfindet, mit Lernenden in der Entwicklungsphase und einer ausgeprägteren Abhängigkeit vom Ausbilder, muss die Andragogik mit autonomen Individuen umgehen, die vielfältige Erfahrungen und heterogene Erwartungen mitbringen. Diese Vielfalt stellt zugleich einen Reichtum und eine Herausforderung dar: Die Lehrenden müssen ihre Methoden an Profile, Lerntempi und Ziele anpassen, die sich mitunter stark voneinander unterscheiden. Darüber hinaus zeigen Erwachsene ein ausdrückliches Bedürfnis nach Sinn und unmittelbarer Nützlichkeit des Gelernten, was bedeutet, dass Inhalte in einen Kontext gestellt und ihre Ziele verdeutlicht werden müssen. Aus einer eher konzeptionellen Perspektive kann das Lernen von Erwachsenen als ein Prozess der Transformation vonInterpretationsschemata3 im Sinne der Lerntheorien (Carré, 2015) verstanden werden: Die Individuen begnügen sich nicht damit, Wissen anzuhäufen, sondern reorganisieren ihre Bezugssysteme auf der Grundlage neuer Erfahrungen und deren Reflexion. Darüber hinaus stellen externe Zwänge – wie berufliche und familiäre Verpflichtungen – eine Herausforderung dar, die die Einrichtung flexibler und angepasster Maßnahmen erfordert.
In dieser Hinsicht verändert sich die Rolle des Ausbilders grundlegend. Sie beschränkt sich nicht mehr auf die einseitige Wissensvermittlung, sondern besteht darin, bewusst anregende Lernumgebungen zu gestalten, zu begleiten und zu steuern. Diese Umgebungen müssen anspruchsvoll genug sein, um Reflexionen anzuregen, die eine Veränderung von Praktiken und Vorstellungen begünstigen, ohne dabei die Lernenden zu verunsichern, was ihr Engagement und ihren Lernfortschritt beeinträchtigen könnte. Der Erwachsene wird somit als reflektierendes Subjekt betrachtet, das in der Lage ist, seine eigenen Praktiken zu analysieren und sich aktiv an der gemeinsamen Konstruktion von Wissen zu beteiligen, im Austausch mit dem Ausbilder und den Mitlernenden. Beispielsweise können im Rahmen eines Weiterbildungsseminars Fallstudien aus realen beruflichen Situationen als Ausgangspunkt für eine gemeinsame Diskussion dienen, die es den Teilnehmenden ermöglicht, ihre Erfahrungen auszutauschen und geeignete Lösungen zu erarbeiten. Ebenso fördern Instrumente wie Reflexionsjournale oder Portfolios eine kritische Distanzierung vom Lernprozess und den beruflichen Praktiken.
Im Rahmen des ISFB ist der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen klar definiert. Der andragogische Ansatz des Instituts spiegelt sich in Ausbildungsangeboten wider, die eng auf die Gegebenheiten des Bank- und Finanzsektors abgestimmt sind. Die Lernenden, die häufig bereits in beruflichen Funktionen tätig sind, werden dazu angeleitet, ihre Erfahrungen einzubringen, um konkrete Problemstellungen wie die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, das Risikomanagement oder die Kundenbeziehung zu analysieren. So dienen beispielsweise Fallstudien, die von realen Situationen inspiriert sind – wie die Umsetzung einer personalisierten Beratung durch ein Family Office für eine vermögende Familie oder die Analyse eines operationellen Risikos –, als Grundlage für gemeinschaftliche Arbeiten, die den Austausch über Praktiken und die Entwicklung kontextbezogener Lösungen fördern. Darüber hinaus ermöglichen andragogische Methoden wie die Simulation beruflicher Situationen, Workshops zum Erfahrungsaustausch unter Gleichgesinnten oder strukturierte Erfahrungsrückmeldungen, die Reflexionsfähigkeit zu stärken und das Gelernte in anspruchsvollen Kontexten zu verankern. Dieser Ansatz zielt somit darauf ab, Kompetenzen zu entwickeln, die direkt auf das berufliche Umfeld der Teilnehmer übertragbar sind.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Andragogik einen spezifischen pädagogischen Ansatz darstellt, der auf der Anerkennung des erwachsenen Lernenden in seiner ganzen Vielschichtigkeit beruht. Sie fordert dazu auf, Bildungsangebote zu konzipieren, die Selbstständigkeit, aktive Beteiligung und die gemeinsame Sinnfindung fördern. Der Ausbilder fungiert als Vermittler von Wissen und Erfahrungen, der Interaktionen erleichtert und Reflexionsprozesse unterstützt. Die Ausbildung eines Erwachsenen bedeutet somit, einen Transformations- und Emanzipationsprozess zu begleiten, der über den bloßen Erwerb von Inhalten hinausgeht und Teil einer Dynamik der persönlichen und beruflichen Entwicklung ist.
Der nächste und letzte Beitrag dieser Reihe befasst sich mit der Bedeutung und der Übertragbarkeit von Wissen in Arbeitssituationen.
Referenzen
- Knowles, M. S. (1980). Die moderne Praxis der Erwachsenenbildung: Von der Pädagogik zur Andragogik.
- Carré, P., & Caspar, P. (Hrsg.) (2011). Handbuch der Bildungswissenschaften und -techniken. Paris: Dunod.
- Carré, P. (2015). Vom Lernen zur Weiterbildung. Für eine neue Erwachsenenpädagogik.Revue française de pédagogie. Recherches en éducation, (190), 29–40.
- Jorro, A., & Wittorski, R. (2013). Ausbildung und Professionalisierung: zwischen Wissen, Tätigkeiten und Erfahrungen.
1 Pädagogik: Wissenschaft, die sich mit Unterrichtsmethoden und -praktiken befasst und sich historisch gesehen auf das Lernen von Kindern und jungen Lernenden konzentriert.
2 Andragogik: Ein Bildungsansatz, der sich speziell mit dem Lernen von Erwachsenen befasst und dabei deren Erfahrungen, Selbstständigkeit sowie ihre auf konkrete Ziele ausgerichteten Bedürfnisse berücksichtigt.
3 Interpretationsschemata: kognitive Strukturen, die es einem Individuum ermöglichen, seine Erfahrungen und Lernergebnisse zu ordnen, zu interpretieren und ihnen einen Sinn zu geben; im Erwachsenenlernen können sie hinterfragt und umgestaltet werden, um neue Perspektiven einzubeziehen (Mezirow, 1991).


