ISFB Insight
Family Office: Ein phygitaler Ansatz im Dienste von Familien und künftigen Generationen
18. März 2026
Das Family Office steht für einen strukturellen Wandel in der Vermögensverwaltung. Lange Zeit war dieser Bereich vor allem auf Anlagen ausgerichtet, doch nun entwickelt er sich hin zu einem ganzheitlicheren Ansatz, bei dem das Verständnis familiärer Dynamiken, die Unternehmensführung und die Koordinierung von Fachkompetenzen zu zentralen Elementen werden.
Die Fachliteratur spiegelt diesen Wandel wider. Sie zeigt, dass das Family Office weit über den Rahmen der Vermögensverwaltung hinausgeht und familiäre, organisatorische sowie generationsübergreifende Aspekte einbezieht. Diese Sichtweise deckt sich mit dem Ansatz des ISFB-Zertifikats „Family Officer“, das eine strukturierte und bereichsübergreifende Betrachtung der Herausforderungen bietet und dabei Familienführung, Anlagestrategie, Nachfolgeplanung und die Koordination der Beteiligten miteinander verknüpft.
Das Family Office als Rahmen für die Familienführung
In ihrem Artikel aus dem Jahr 2017 stellen Rivo-López et al. das Family Office als einen echten Mechanismus der Familienführung dar. Im traditionellen Sinne handelt es sich um eine Struktur, die im Auftrag einer Familie tätig ist und deren Aufgabe darin besteht, die Vermögensverwaltung zu zentralisieren und dabei die spezifischen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu berücksichtigen. Die Autoren unterscheiden drei große Tätigkeitsbereiche: Investitionen, familiäre Belange und administrative Aufgaben. Sie betonen zudem das Fehlen eines Standardmodells, da jede Familie ihre Organisation entsprechend ihren Werten, ihrer Kultur und ihren Zielen gestaltet.
Diese fehlende Standardisierung ist von entscheidender Bedeutung. Sie macht deutlich, dass jede sinnvolle Vermögensstrukturierung mit einem genauen Verständnis der Familie selbst, ihrer DNA, ihrer Absichten und ihrer langfristigen Vision beginnt. Auf dieser Grundlage kann die Unternehmensführung gestaltet werden, bevor Investitionsentscheidungen ihren vollen Sinn entfalten können.
Eine heterogene Struktur, geprägt von der Geschichte jeder einzelnen Familie
Der Artikel von Schickinger et al. (2023) liefert zusätzliche Erkenntnisse. Auf der Grundlage einer Studie unter 109 deutschsprachigen Familien mit einem Single Family Office zeigen die Autoren eine große Heterogenität der Strukturen auf. Zwei Dimensionen erweisen sich als entscheidend: der Besitz oder Nichtbesitz des ursprünglichen Familienunternehmens sowie die Anwesenheit oder Abwesenheit der Gründergeneration. Diese Faktoren beeinflussen direkt die verfolgten Ziele, das unternehmerische Investitionsverhalten und die Governance-Mechanismen.
Diese Heterogenität spiegelt sich voll und ganz in der Praxis wider, wo jede Familie ihr eigenes Modell entwickelt, das auf ihrer Geschichte, ihrem Vermögen und ihren zwischenmenschlichen Beziehungen basiert. Das Family Office wird somit weniger zu einer starren Struktur als vielmehr zu einem flexiblen Rahmen, der sich im Laufe der Zeit anpassen kann.
Diese Arbeiten bestätigen eine Realität vor Ort: Das Family Office lässt sich nicht allein durch eine rein fachliche Betrachtung erfassen. Es befindet sich an der Schnittstelle mehrerer Dimensionen – familiärer, vermögensrechtlicher, unternehmerischer und organisatorischer Art –, die sich ständig weiterentwickeln.
In diesem Zusammenhang gleicht seine Rolle zunehmend einer Koordinierungsfunktion. Es geht darum, vielfältige Fachkenntnisse – in den Bereichen Recht, Steuern, Finanzen, Immobilien oder auch Philanthropie – zu bündeln, um einen kohärenten Rahmen zu schaffen, der auf die Ziele der Familie abgestimmt ist.
Diese Logik steht im Mittelpunkt des ISFB-Zertifikats „Family Officer“. Das Programm basiert auf einem strukturierten Ansatz: Ausgangspunkt ist die Familie, dann wird die Governance organisiert und schließlich werden die Investitionen strukturiert. Es umfasst sowohl menschliche Aspekte wie Familienführung, generationsübergreifende Weitergabe und Beziehungsdynamiken als auch finanzielle Aspekte wie Vermögensplanung, Asset Governance und Private Markets.
Technologische Entwicklungen, insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz, fügen sich nahtlos in diesen Rahmen ein. Sie stärken die Analysefähigkeiten, erleichtern die Zusammenführung von Informationen und verbessern die Umsetzung. Ihr Wert liegt in ihrer Fähigkeit, die Entscheidungsfindung zu unterstützen.
Die Technologie verstärkt die Entscheidung. Sie bestimmt sie nicht.
Ein Family-Office-Ansatz zielt somit auf ein Modell ab, das man als „phygital“ bezeichnen könnte – eine Kombination aus einer menschlichen, familienorientierten Herangehensweise und digitalen Möglichkeiten, die die Anlageentscheidungen bereichern. In diesem Modell ist die Abfolge entscheidend: Erst kommt das Verständnis, dann die Strukturierung und erst danach die Investition.
Diese Entwicklung eröffnet auch Perspektiven für Privatbanken, denen sich die einmalige Gelegenheit bietet, ihr Wertversprechen hin zu einem ganzheitlicheren Ansatz weiterzuentwickeln, der Governance, Beratung und Anlagelösungen in einem kohärenten und nachhaltigen Rahmen vereint.
Insgesamt zeigen die Arbeiten von Rivo-López et al. (2017) und Schickinger et al. (2023) eine Konvergenz auf. Das Family Office erweist sich als anpassungsfähige Struktur, die darauf ausgelegt ist, der zunehmenden Komplexität familiärer und vermögensrechtlicher Situationen gerecht zu werden. Es beschränkt sich nicht auf eine reine Verwaltungsfunktion, sondern bildet einen Rahmen für Organisation, Koordination und langfristige Planung.
Das Family Office etabliert sich somit als eine Funktion, die der Kontinuität dient. Eine Funktion, die Klarheit schafft, Entscheidungsprozesse strukturiert und Familien langfristig begleitet.
In einem Umfeld, das von einer Informationsflut und raschem technologischen Wandel geprägt ist, wird die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu durchschauen, die richtigen Fragen zu stellen und alle Beteiligten auf einen Nenner zu bringen, entscheidend.
Und genau in dieser Fähigkeit zur Abstimmung liegt der Grundstein für die Kontinuität von Familien über Generationen hinweg. Die Vermögensverwaltung bleibt eine zutiefst menschliche Disziplin. Die Technologie trägt lediglich dazu bei, sie auf ein höheres Niveau zu heben.
Referenzen
Rivo-López, E., Villanueva-Villar, M., Vaquero-García, A., & Lago-Peñas, S. (2017). Family Offices: Was, warum und wozu. Organizational Dynamics, 46(4), 262–270. https://doi.org/10.1016/j.orgdyn.2017.03.002
Schickinger, A., Bierl, P. A., Leitterstorf, M. P. & Kammerlander, N. (2023). Familienbezogene Ziele, unternehmerisches Investitionsverhalten und Governance-Mechanismen von Single-Family-Offices: Eine explorative Studie. Journal of Family Business Strategy, 14(2), 100393. https://doi.org/10.1016/j.jfbs.2020.100393
© Institut Supérieur de Formation Bancaire (ISFB). Alle Rechte vorbehalten.
Die vom ISFB veröffentlichten Analysen und Inhalte dürfen unter Angabe der Quelle teilweise zitiert oder wiedergegeben werden. Jede vollständige oder wesentliche Wiedergabe dieses Artikels in anderen Medien oder auf anderen Trägern bedarf der vorherigen schriftlichen Genehmigung des ISFB. Um die Lesbarkeit zu erleichtern und ohne diskriminierende Absicht wird in der Regel die männliche Form verwendet, entsprechend der grammatikalischen Regel, die es erlaubt, diese als neutrale Bezeichnung für eine Gruppe von Personen zu verwenden, die sowohl Männer als auch Frauen umfasst. Die vorliegende Publikation richtet sich an ISFB-Mitglieder und deren Mitarbeitende in der Schweiz sowie an alle Personen, die sich für das Finanzwesen in der Schweiz interessieren. Sie ist nicht dazu bestimmt, in Ländern gelesen oder verbreitet zu werden, in denen ihre Verbreitung verboten ist.
